
Deutschland ist längst ein Einwanderungsland. Kitas und Schulen leisten viel, um junge Menschen zu integrieren, doch es braucht bessere Sprach- und Leseförderung und mehr Möglichkeiten der Teilhabe, betont die Erziehungswissenschaftlerin Annette Scheunpflug. Von Roman Eisner
26.01.2026
Bundesweit
Artikel
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
didacta: Allein seit Beginn des Ukrainekrieges im Februar 2022 haben rund 350 000 ukrainische Kinder und Jugendliche in Deutschland Schutz gesucht. Wie integrationsfähig war das deutsche Bildungssystem in den letzten Jahren?
Annette Scheunpflug: Viele Lehrerinnen und Lehrer leisten hier hervorragende Arbeit. Schon lange bevor wir in Deutschland über Integration und Einwanderung diskutiert haben, waren es Kitas und Schulen, die viele Kinder mit Migrationshintergrund aufgenommen und erfolgreich integriert haben. Gesellschaftlich ist aber erst in den letzten Jahren klar geworden, dass wir längst eine Einwanderungsgesellschaft sind und eine Integrationsgesellschaft werden müssen. Das bedeutet aber auch: Dieses Thema muss politisch und gesellschaftlich ernst genommen werden. Hier besteht noch Entwicklungsbedarf. So spielt der sozioökonomische Faktor im Hinblick auf den Bildungserfolg nach wie vor einer großen Rolle. Und die Sprachkompetenz ist für den Schulweg und das weitere Leben von entscheidender Bedeutung.
Welche Gelingensbedingungen definieren die Wissenschaft dafür, damit sich ein junger Mensch mit Migrationsgeschichte gut integrieren kann?
Letztlich sind es dieselben Voraussetzungen, die für alle Menschen in einer Gesellschaft gelten – beginnend bei der Sprache. Der Grundwortschatz von Kleinkindern unterscheidet sich deutlich voneinander, je nach Interaktionsdichte und Kommunikationsstil im Elternhaus. Dazu ist vor allem bei Kindern, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, eine breite gesellschaftliche Unterstützung von Bedeutung, um Deutsch zu lernen. Kitas und Kindergärten sind hier gefordert. Die Sprachförderung von Anfang an ist zentral für Bildung und Integration. Sie müssen kontinuierlich weitergehen, von der Grundschule in die weiterführende Schule bis in die berufliche Bildung.
Annette Scheunpflug ist Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Sprecherin des bundesweiten Metavorhabens „Migration, Integration und Teilhabe an Bildung“. Die ausgebildete Grundschullehrerin forscht vor allem zu Fragen der Bildungsqualität.
Was ist noch wichtig?
Eng mit der Sprachförderung verbunden ist die Lesekompetenz. Auch dafür bedarf es Förderung weit über die Grundschule hinaus. Wichtig ist außerdem die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Manche beschreiben das eher als Anerkennung und Respekt. Gemeint ist das Gefühl: „Ich bin etwas wert“. Jeder und jeder Einzelne in unserer Gesellschaft sollte sich wertgeschätzt fühlen. Das ist für Menschen, die sich gesellschaftlich diskriminiert fühlen, nicht der Fall. Hier spielen die Migrationsgeschichte und der sozioökonomische Hintergrund eine Rolle, denn beides kann zu ausgrenzenden Erfahrungen führen. Kitas und Schulen müssen allen Kindern und Jugendlichen Selbstwirksamkeitserfahrung ermöglichen. Außerdem müssen genügend Teilhabemöglichkeiten für die jungen Menschen vorhanden sein.
Was genau meinst du damit?
Es ist wichtig zu lernen, dass diese Gesellschaft gestaltbar ist und jeder mächtig ist, daran teilzuhaben – in den Religionsgemeinschaften, in Vereinen, in Stadtteilen, in Jugendzentren, im Rettungsdienst, bei der freiwilligen Feuerwehr und an vielen weiteren Orten. In einem komplexen Gesellschaf müssen Menschen lernen, sich ihr selbst durch Engagement zuzuordnen. Hier können Kitas und Schulen wichtige Vermittler sein.
Sprache, Lesen, Selbstwirksamkeit, Teilhabe. Wenn die Forschung diese Bereiche als zentral definiert, was verhindert dann die Umsetzung an Kitas und Schulen?
Die Erkenntnis, dass Bildung vom Kleinkindalter an wichtig ist, setzt sich erst langsam in der Gesellschaft durch. Wir haben immer noch keine Vollabdeckung mit Kita-Plätzen und keine flächendeckende Ganztagsbetreuung, obwohl die Forschung schon lange weiß, dass dies ausschlaggebende Hebel für Veränderungen sind. Und auch wenn diese Angebote und Plätze in den letzten Jahren ausgebaut wurden, geschieht das in den 16 Ländern auf sehr unterschiedliche Weise. Damit hängen Fragen der Professionalisierung des Personals, der Anreize für das Personal und der Finanzierung von Bildung zusammen, im Kita- als auch im Schulbereich. Das sind zentrale Herausforderungen für politisches Handeln.
Bildungsministerin Karin Prien hält ein Migrationszitat an Schulen für denkbar. Wie schätzen Sie die Debatte dazu ein?
Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich festhalten: Kinder, Jugendliche, überhaupt alle Menschen lernen viel durch Gleichaltrige, auch Gleichaltrige. Insofern ist die Frage, wie sich diese Peers in einer Lernumgebung zusammensetzen, nicht trivial. Das allerdings zu verbinden mit dem Begriff Migrationsquote und mit Prozentanteilen, ist nicht sinnvoll. Wer ist gemeint mit Migrantinnen und Migranten? Welche Peer-Zusammensetzung wäre wünschenswert? Welche Art des Migrationshintergrundes ist im Blick? Hier einfach von Migrationsquote zu sprechen, greift zu kurz.
Prien hat sich auf die Erfahrungen anderer Länder im Umgang mit Vielfalt berufen. Können denn Zitate in bestimmten Regionen helfen oder ist das kein sinnvolles Instrument?
Das Sprengelprinzip gilt fast überall für deutsche Grundschulen: Ein Kind besucht die zum Wohnort nahe Schule. Dieses Prinzip hat lange Zeit für eine gute Durchmischung von Kindern gesorgt. Die Gentrifizierung von Wohngebieten einerseits und die Verarmung mancher Stadtteile andererseits wirken aber inzwischen, dass das Sprengelprinzip diese Durchmischung und Vielfalt nicht mehr leisten kann. An manchen Schulen herrschen daher keine guten Lebens- und Lernbedingungen mehr, bildungsbenachteiligte Schülerinnen und Schüler erfahren dadurch eine zusätzliche Benachteiligung und Diskriminierung.
Das „Metavorhaben Migration, Integration und Teilhabe an Bildung“ begleitet bis Ende 2027 die 20 Verbundprojekte des Förderprogramms „Integration durch Bildung“ und ist Teil des „Rahmenprogramms empirische Bildungsforschung“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Ziel ist es, die Bildungschancen von Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland zu stärken.
Hier gibt es mehr Informationen.
Was lässt sich dagegen unternehmen?
Jede einzelne Schule sollte für sich überlegen sein, wie sie die Lernbedingungen für ihre Mitschüler vor Ort optimieren kann. Viele Beispiele etwa aus dem Deutschen Schulpreis zeigen, dass auch Schulen in benachteiligten Stadtgebieten hervorragende Arbeit für die jungen Menschen leisten können und sich zu attraktiven Schulen entwickeln können. Veralte Schulgebäude oder die Einwanderungsgeschichte vieler Schülerinnen und Schüler werden dann weniger wichtig, wenn die Schulfamilie, die Lehrkräfte und die jungen Menschen es schaffen, ihre Schule zu einer gelingenden Lernumgebung zu machen.
Und wie kann das gelingen?
Auf die Professionalität und das Engagement des Kollegiums kommt es an. Es ist falsch, zu jammern und sich zu beklagen: „Wir brauchen Schülerinnen und Schüler, die gut zu unserer Schule passen.“ Zahlreiche Schulen akzeptieren hingegen, dass sie vielfältige Schülerinnen und Schüler haben, und überlegen sich, wie sie das Erfolgspotenzial der Kinder und Jugendlichen konstruktiv fördern. Wichtig ist vor allem, dass nicht jede Lehrkraft sich als Einzelkämpfer in einer Klasse sieht, sondern dass die gesamte Schule gemeinsam einen Lern- und Veränderungsprozess durchläuft und sich als verantwortlich für das Lernen der Kinder und Jugendlichen begreift.
Gehen wir nochmal zurück zur Kita. Die Regierung plant, das Startchancen-Programm auf Kitas auszuweiten, das Sprachkita-Programm neu aufleben zu lassen und verbindliche Sprachtests für Vierjährige einzuführen. Sind das die richtigen Schritte?
Es ist positiv, dass die Politik die Frühpädagogik fördern wird. Gleichzeitig bedarf es auch dafür Evidenzbasierung. Das bedeutet vor allem, sich beim Entscheiden und Handeln an empirisch belegbaren, wissenschaftlichen Erkenntnissen zu orientieren. Nicht die bunte Wiese mit allen möglichen Ideen ist die beste Lösung für das Sprachenlernen, sondern die bewusste Sprachförderung – im Kontext von Programmen, die gezeigt haben, dass sie zur Sprachbildung beitragen. Nicht jede Bildungseinrichtung und nicht jedes Bundesland muss auch nochmal neu für sich selbst überlegen, welche Maßnahmen sie ergreifen könnte.
Sind denn die Pädagoginnen und Pädagogen in Kitas und Schulen auf diese Integrationsaufgaben ausreichend vorbereitet?
Das ist ein großes Thema in der Ausbildung und im Studium. Wichtig ist auch die zweite Phase, also das Referendariat oder der Vorbereitungsdienst vor Ort. Da sehen wir eine große Heterogenität in allen Bundesländern und den unterschiedlichen Schularten. Es gibt leider nur wenig Forschung zur Ausbildung in dieser Phase. Ich habe die Hypothese, dass im Vorbereitungsdienst der Fokus häufig auf einem idealen Unterricht liegt als auf dem Umgang mit herausfordernden jungen Menschen. Da noch Potenzial vorhanden ist, werden die Lehrkräfte stringent durch alle Ausbildungsphasen hindurch besser zu qualifizieren. Zudem gelingt es Universitäten häufig nicht – dies zeigen empirische Studien – eine hinreichend professionelle Haltung zum Thema Migration und Mehrsprachigkeit anzubahnen.
Eine Chance, hier etwas zum Positiven zu verändern, könnte in der Förderlinie „Migration, Integration und Teilhabe an Bildung“ liegen. Sie sind Sprecherin des Metavorhabens dieser Förderlinie seit Oktober 2024.
Die Förderlinie umfasst 20 Projekte und das Metavorhaben. In jedem werden unterschiedliche Aspekte zu Integration und Bildung aufgegriffen. Das geht vom Unterricht mit postmigrantischer Literatur über die Qualifizierung der Schulinspektion und der Schulräte im Hinblick auf den Umgang mit Migration bis hin zur Selbstwirksamkeit von Mädchen oder einer App für das Sprachenlernen. Das Metavorhaben trägt zur Kommunikation nach innen und außen der Förderlinie bei. Außerdem liefert es Forschungssynthesen zum Thema Integration durch Bildung – unter anderem eine Zusammenfassung der über 40 000 wissenschaftlichen Werke dazu.
Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 4/2025, S. 4-7, erschienen:
