
Wie viel NS-Vergangenheit steckt in unserem Alltag? Wie lebt es sich in Deutschland ohne deutschen Pass? Wie erkennt man Rechtsextreme auf Social Media? Konkrete Fragen, mit denen die Arolsen Archives zeigen, wie gesellschaftlich relevant die NS-Zeit noch heute ist – und was sich daraus lernen lässt.
18.12.2025
Bundesweit
Artikel
Anna Petersen
Das weltweit größte Archiv über Opfer und Überlebende des NS-Regimes setzt dabei auf ein breites Social Media-Angebot und auf eine eigene digitale Bildungsplattform namens „arolsen school“. Im didacta-Bildungspodcast berichtet Direktorin Floriane Azoulay* von der Bildungsarbeit der Arolsen Archives in Zeiten zunehmender rechtsextremistischer, antisemitischer und rassistischer Tendenzen.
*Zum Jahresende 2025 endete die Amtszeit von Floriane Azoulay als Direktorin der Arolsen Archives nach zehn Jahren turnusgemäß.
Das Gespräch führte Anna Petersen am 1. Dezember 2025.
Anna Petersen: Frau Azoulay, Sie richten sich mit Ihrer Bildungsarbeit ja vor allem an die Generation der heutigen 16- bis 25-Jährigen, also der sogenannten GenZ. Wie erleben Sie denn deren Interesse an der NS-Zeit und auch deren Wissen über das Thema?
Floriane Azoulay: Außerdem merken wir ganz deutlich, dass diese GenZ-Generation ein großes Interesse an Geschichte hat. Aber gleichzeitig stellen wir auch fest, dass das Wissen minimal gesunken ist. Und das ist ein Paradox, mit dem wir umgehen müssen. Und wie erklären wir das? Zuerst wissen wir auch, dass es kaum noch persönliche oder familiäre Verbindungen zur Täter- und auch zur Überlebendengeneration gibt. Und gleichzeitig haben wir eine sehr, sehr vielfältige Gesellschaft. Das heißt, sehr viele junge Menschen haben wirklich keine direkte biografische Verbindung zur NS-Zeit. Und das ist genau das, was für uns spannend ist. Wir merken auch in Workshops, in der Auseinandersetzung und in Gesprächen mit Jugendlichen: Sie sind interessiert. Sie sind offen mit dem Thema, aber sie sind auch gleichzeitig distanzierter. Und es ist eine Verbindung da, aber die ist natürlich nicht automatisch, und sehr häufig fragen sie uns: Was hat das mit mir zu tun?
Sie adressieren da jetzt gleich ein Thema: Dass es nämlich nicht an Interesse mangelt, sondern an Wissen preisgibt. Da gab es ja auch Zahlen aus einer Studie der Jewish Claims Conference von 2025, wo eben 12 Prozent der Befragten 18- bis 29-Jährigen aus Deutschland nicht wissen, was der Holocaust überhaupt ist.
Hier können Sie die aktuelle Folge des didacta-Podcasts anhören:
Ist das auch so ihr Gefühl im Umgang mit den jungen Menschen, dass wirklich so grundlegendes Wissen zu diesem Thema oder auch allgemein zu geschichtlichen Themen nicht vorhanden ist?
Ja, das ist wirklich, tatsächlich diese paradoxe Entwicklung. Das ist dieses Interesse für die NS-Zeit und auch allgemein für Geschichte, für andere Ereignisse, zum Beispiel 9/11 oder die Coronapandemie, die Wiedervereinigung. Alle Studien belegen, es gibt großes Interesse für Geschichte, aber das Wissen nimmt ab. Das belegen auch alle Studien. Ich glaube, es gibt viele Gründe. Die NS-Geschichte, wie insgesamt Geschichte, ist immer komplex und weit verzweigt und in den Schulen gibt es kaum Zeit, das wirklich gründlich zu behandeln. Das heißt, die wichtigen Themen werden sehr häufig nur angerissen, nicht weil sie unwichtig sind, aber weil der Stundenplan keinen Raum dafür gibt. (…)
Das komplette Gespräch finden Sie auf Spotify, Apfel, Podcast.de und Deezer.
